9783928249799

Organismus ist in der Architektur nicht erst ein Thema, seit die organischen Funktionalisten ihn zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Grundlage für ein eigenes Stilprogramm ausgerufen haben. Bereits im 19. Jahrhundert wird er, als ultimatives Modewort der Zeit, überall im Munde geführt, wo gute, gelungene Architektur beschrieben wird. Was damit allerdings genau gemeint ist, bleibt unklar. Das Buch unternimmt daher den Versuch, die Redeweise vom Organismus in die Architekturtheorie einzuordnen. Es gliedert sich in zwei Teile: Zunächst wird die Frage diskutiert, was Organismus in der Architektur eigentlich ist: Ein Begriff? Eine Metapher? Die Antwort lautet, man hat es mit einem Topos zu tun, mit einem positiv bewerteten Stichwort, das relativ unabhängig von konkreten Bedeutungsgehalten dazu verwendet werden kann, die eigene Position zu stützen. In einem zweiten Teil wird diese Funktion anhand architekturtheoretischer Texte vor allem des 19. Jahrhunderts demonstriert. Der Band versteht sich als Einführung in die architektonische Organismussemantik und als Beitrag zur Frage, wie man Topoi als Analysegegenstand konzipieren und analysieren kann.

Dr. phil. Mirco Limpinsel, geboren 1980 in Braunschweig, studierte Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft und Philosophie in Gießen und Berlin. Er forscht unter anderem zur Hermeneutik und zu Rhetorik und Topik in den Wissenschaften, zum deutschen Schlager und zur Digitalisierung. Zuletzt erschienen ist das Buch Angemessenheit und Unangemessenheit. Studien zu einem hermeneutischen Topos (Berlin 2013).

ISBN: 978-3-928249-79-9
Paperback
116 Seiten, 15,5 x 22 cm – 12,00 €

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Leseprobe

 

Am 29. Juli 2019 schrieb Wolfgang Bachmann im Online-Magazin Marlowes in seiner Rezension des jüngst in der Edition Staub erschienenen Buches “Was ist organische Architektur?“ von Mirco Limpinsel:

Es geht um die Verwendung eines Wortes, um das Organische, dem man weder mit „Begriff“ noch mit  „Metapher“ gerecht werde. Für Limpinsel ist es ein Topos, also eine stereotype Phrase, um eine Bedeutung ohne beweiskräftige Begründung zu liefern. „Organisch“ gilt als dankbares Beispiel, ein Lieblingswort im 19. Jahrhundert. Was sich damit beschreiben lässt, erhält die Aura des Natürlichen, des Gewachsenen, als sei es ein genuines Attribut vom Schöpfergott. Um der hinterhältigen Botschaft des Wortes auf die Schliche zu kommen, analysiert der Autor den Organismustopos und die dahinter stehenden Denkfiguren. In sieben Schritten dekliniert er sich durch beispielhafte Gegensatzpaare wie Haus/Umgebung, Form/Funktion oder Willkür/Notwendigkeit. Den dem organischen Bauen verpflichteten Architekten dient dieser Topos als selektiver Vermittler, der vorgibt, es sei unnötig, sich für eine Richtung zu entscheiden, da das „Organische“ letztlich eine synthetische Einheit in diesem Dualismus herstelle: „Ein guter Entwurf ist dann ‘organisch‘ und alle möglichen mit einem Entwurf verbundenen Entscheidungen können dadurch begründet werden, dass sie in einen inhaltlichen Zusammenhang mit einem ‘Organismus‘ gestellt werden.“ Um weiche, runde, gewachsene Formen geht es also gar nicht. (…)  Ob das Herumgedenke um das Organische irgendetwas verändert, ist nicht die Frage. Aber diese Auseinandersetzung könnte eine Warnung für uns Schreiberlinge sein, sich der unfreiwilligen Katachresen und suggestiven Metaphorik bewusst zu sein, mit der wir in unseren Texten unterschwellig um Zustimmung buhlen. … zum Artikel